Walser: Jedes Kind ist gleich viel wert!

Wir haben mit dem grünen Bildungssprecher Harald Walser über die beschlossene Bildungsreform, die Situation der freien Schulen und die Kardinalfehler unseres Bildungssystems gesprochen. Walser ist nicht nur Politiker, sondern auch Historiker und war viele Jahre Direktor des Bundesgymnasiums Feldkirch.


© Die Grünen

 

Warum wurden just jene Schulen, die Schulautonomie leben, in der von den Grünen mitbeschlossenen Bildungsreform nicht berücksichtigt?

Walser: Die neuen Regelungen der Autonomie, insbesondere jene, die den Schulen mehr Freiheiten in der Gestaltung des Unterrichts geben, gelten selbstverständlich auch für Schulen in freier Trägerschaft.

In Deutschland haben sich die Waldorfschulen stärker der an das öffentliche Schulsystem angenähert, im Gegenzug ist deren finanzielle Situation gesichert. Würden Sie diesen Weg freien Schulen und ihren Dachverbänden auch in Österreich empfehlen?

Walser: Wir fordern die finanzielle Gleichstellung von Schulen in freier Trägerschaft mit konfessionellen Privatschulen. Diese Forderung ist nach wie vor aufrecht. Einzige Anforderung ist die Erfüllung der Voraussetzungen für das Öffentlichkeitsrecht.

Wir plädieren dafür, dass der Staat Qualitätsstandards und Ziele vorgibt und die Wege dorthin den Schulen überlässt. Was halten Sie davon?

Walser: Die Forderung unterstützen wir selbstverständlich. Mit dem Autonomiepaket wurden auch entsprechende neue Möglichkeiten geschaffen, die den Schulen wesentlich mehr Freiheit bei der Gestaltung des Unterrichts geben. Als nächster Schritt muss die Schulaufsicht entsprechend reformiert werden, um diese Aufgaben der Zielkontrolle und der Begleitung von Schulen auch erfüllen zu können.

Wie sieht für Sie als ehemaligen Schuldirektor einer AHS die ideale Schule aus? 

Walser: Die Schulen müssen sich an den Schülerinnen und Schülern und ihren Bedürfnissen orientieren. Das ist die Grundvoraussetzung für einen gelingenden Unterricht, in dem Kinder und Jugendliche Freude am Lernen und Entdecken haben. Kein Kind darf zurückgelassen werden!

Welche drei Kardinalfehler hat unser Bildungssystem?

Walser:

1. Selektion schon bei Schuleintritt in Vorschulklassen, Sonderschulen und sogar Sprachstartgruppen.

2. Selektion am Ende der Volksschule – die wichtigste Bildungswegentscheidung fällt in Österreich viel zu früh.

3. Selektion nach Einkommen, da der Schulerfolg in Österreich vielfach von der Möglichkeit der Eltern, externe Nachhilfe zu finanzieren, abhängig ist.

Auf einer Skala von 0 (gar nicht) bis 10 (sehr), für wie realistisch halten Sie es, dass die nächste Regierung für die finanzielle Gleichstellung der freien Schulen sorgen wird?

Walser: Für die Grünen gilt: Jedes Kind ist gleich viel wert! Ausgehend von den bisher bekannten Umfragen, die eine ÖVP-FPÖ-Regierung als wahrscheinlichste Koalition erscheinen lassen, habe ich kaum Hoffnung auf eine gerechte Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft.

Sie haben zuletzt gesagt, dass der Run auf die Privatschulen da ist, weil das System nicht funktioniert, weil staatliche Schulen alle Probleme der Gesellschaft alleine lösen müssen. Welchen Beitrag könnten die Schulen in freier Trägerschaft hier noch stärker leisten?

Walser: Ich sehe alternative Schulen als wichtige Bereicherung des Bildungssystems, in der innovative pädagogische Konzepte entwickelt und erprobt werden. Von einem Run auf Privatschulen habe ich nie gesprochen, zumal das nicht der Fall ist. Unter der Voraussetzung, dass Schulen in freier Trägerschaft eine gerechte öffentliche Finanzierung im Ausmaß der den konfessionellen Schulen zugestandenen Budgets erhalten, können diese Schulen sich weiteren Bevölkerungsschichten öffnen und mehr Plätze für Kinder und Jugendliche aus finanziell schwächeren Familien bereitstellen. Die Bereitschaft dazu ist offensichtlich vorhanden.

Wir danken für das Gespräch!